Indien 2008/09

Im Januar 2009

Am 11.12.08 bin ich zurück in Tiruvannamalai/Südindien, nachdem ich im letzten Jahr beschlossen hatte, den obdachlosen, Frauen irgendwie zu helfen. Wie – war im letzten Jahr unklar geblieben, nur dass ich etwas tun musste, war klar. Kurz vor meiner Abreise im letzten Jahr hatte ich mich an den  deutschen  Ashram Shantimalai gewandt.
20% meiner Yogaeinnahmen waren während des Jahres 2008 in die Witwenkasse geflossen. Gerda, die Leiterin des Sportvereins Kessenich, in dem ich Yoga unterrichte, hatte anlässlich ihres 70-jährigen Geburtstags auf Geschenke verzichtet und stattdessen um Spenden  für unsere Witwen gebeten. Ein Benefiz-Yoga-Rückenseminar und ein Flohmarkt auf der Schwäbischen Alb brachten ebenfalls Spenden ein und immer wieder wurden mir von Yogaschülerinnen Scheine zugesteckt, besonders jetzt vor meiner Abreise nach Indien. Jeder Cent sollte den Frauen zugute kommen, aber wie?

Auf dem Nachhauseweg begegnet mir der rote Sadhu Ramakrischna.  Ich weiss es fast sofort: Ramakrischna wird mein Helfer und Dolmetscher sein, so dass meine Witwen endlich eine Stimme kriegen. Gedacht – getan! Mein Plan, den obdachlosen Frauen zu helfen,  begeistert ihn. Wir fangen auf der Stelle mit der Arbeit an und interviewen die erste Frau auf den Stufen vor einem tibetischen Laden.

Es ist Chintai. Sie hat Lepra. Ihr Fuss ist so verkrüppelt und so abgeknickt, dass sie sich nur mühsam mit einem Stock fortbewegen kann. Ihr Mann hat sie schon vor langer Zeit verlassen. Von vier Töchtern im heiratsfähigen Alter sind die zwei gesunden vor einiger Zeit weggelaufen. Sie hat nie wieder von ihnen gehört. Die beiden Töchter, die noch bei ihr wohnen, sind taubstumm und geistesgestört. Bevor sie morgens mit dem Bus aus ihrem 13 Rupies (unendlich weit, da es viel Fahrgeld ist) entfernten Dorf nach Tiruvannamalai fährt, muss sie die Töchter einschliessen, sonst würden sie weglaufen oder von Männern vergewaltigt werden. Sie wohnt in einer Art Garage, d.h. sie hütet das Haus von Menschen, die gerade in Bangalore sind. Wenn diese zurückkommen, weiss sie nicht mehr wohin. Im Zipfel ihres Wickelrocks hat sie eine halbe Handvoll Reiskörner gesammelt. Trotzdem ist sie gerade glücklich. Ihre Augen strahlen, weil sie soviel Zuwendung bekommt und Interesse. Ramakrischna gehört als Sadhu (Gottsucher) zu keiner Kaste, ich als Fremde bin auch total frei, zu tun, was ich will und der Ladenbesitzer aus dem Himalaya kann ebenfalls tun, was er will. Niemand von uns behandelt sie als “Outcast” und “Geächtete”. Wir sind den traditionellen Gebräuchen Indiens nicht unterworfen. Wir freuen uns alle über unsere Freiheit.


In den nächsten zwei Wochen interviewen wir 13 Frauen. Die Nächte sind ziemlich kalt, so dass es naheliegt, auf dem Markt Bettdecken zu kaufen. Wir kaufen immer mehr und verteilen sie an die Frauen und dann immer noch mehr auch an bedürftige Sadhus. Insgesamt verschenken wir ca. 35 Stück. Inzwischen haben wir erfahren, dass die indische Regierung eine Witwenpension in Höhe von 450 Rupies (9 Euro) pro Monat zahlt. Also fahren Ramakrischna und ich ins “District Office” von Tiruvannamalai, um diese Pension für unsere 13 Schützlinge zu beantragen.

Dieser Morgen in einem indischen Rathaus war ein folkloristisches Erlebnis der besonderen Art und wird mich für den Rest meines Lebens die deutsche Bürokratie schätzen lassen. Nachdem wir endlich den entsprechenden Beamten gefunden haben, sind wir schnell wieder draussen. Keine unserer Frauen hat die Kraft, die Fähigkeiten und das erforderliche Bestechungsgeld, um einen Antrag auf Witwenhilfe zu stellen.

Ramakrischna hat den Job seines Lebens gefunden: Begeistert findet er immer wieder neue Frauen, die interviewt werden sollen, Bettdecken brauchen oder medizinische Betreuung.

Plötzlich ist Heiligabend da. Meine Freundin Inge ist aus Bangalore gekommen. Wir gehen über den Markt und überlegen, was wir “unseren” Frauen schenken könnten. Was schenkt man Frauen, die nichts haben? Wir wählen schöne, glitzernde Haarspangen in bunten Farben. Es ist dunkel geworden an diesem heiligen Abend. Ich sehe die leprakranke Chintai an der Straße sitzen, knie vor ihr hin und will ihr eine der Spangen in die Hände legen. Sie strahlt vor Überraschung und Freude und hebt die Hände, um die Spange in Empfang zu nehmen. Da sehe ich, dass sie gar keine Finger mehr hat – nur einen Handteller mit verkrüppelten Stümpfen, und stecke ihr die Spange ins Haar. Ich weiss nicht, wann ich so tief bewegt ein Weihnachtsgeschenk überreicht habe. Jetzt ist es wirklich weihnachtlich geworden in mir. Alle Kerzen brennen in meinem Herzen auch ohne Baum.

Im Dezember bekommen die ersten Witwenbettlerinnen ihre Pension vonn 250 Rupien ausgezahlt. Vor dem Tor sammeln sich die männlichen Bettler. Sie sind sauer, dass hier offensichtlich die Frauen bevorzugt behandelt werden.

Als Ramakrischna und ich nach 2 Stunden nach Hause gehen, spüren wir nichts von dem Staub, der Hitze und dem Lärm der Strasse. Wir sind vollkommen glücklich und gehen wie auf Wolken.Ich sage, er muss seiner mexikanischen Lady jetzt nicht mehr nachtrauern, er hätte jetzt 13 Frauen und die Zusage, dass er jeden Tag noch mehr Frauen registrieren lassen kann. Er sagt, er fühlt sich, als hätte er eine Krone auf dem Kopf. Selten habe ich so ein Gefühl des Glücks, der Fülle, des Dankes, des “So-ist-alles-in-Ordnung” gehabt, so eine Stille und so einen Frieden. In Gedanken habe ich schon hundertmal – Euch – den lieben Menschen gedankt, die mir Geld gespendet haben. Jetzt wieder! Das Elend der Welt ist damit nicht gelöst. Sicher ist es nicht mal der berühmte Tropfen auf dem heissen Stein, aber für die einzelne Frau macht es einen riesengrossen Unterschied.

Ich danke jedem Einzelnen von Euch für Euren Beitrag und bin dankbar für weitere Unterstützung der “Töchter des Arunachala”. Jede Hilfe ist willkommen und wird direkt, ganz und gar den Witwen zugute kommen. Alles, was wir geben, kommt tausendfach und segensreich zu uns zurück, das ist eine alte Weisheit in allen Religionen.

Ihr seid auch herzlich eingeladen mitzureisen und Zeit in der wunderbaren Präsenz des heiligen Berges Arunachala zu verbringen und selbst zu sehen, welche Auswirkungen der kleine Tropfen auf dem heissen Stein hat.

Namasté Anna