Indien 2012/13

Wieder ist ein Jahr vergangen und wieder glaube ich, daß dies der schönste Winter in Thiruvannamalai war. Warum dieses Mal? Weil erstmals Om Shanthi Old Age Home bewohnt war. Die 10 Betten waren bei meiner Ankunft Ende November bis auf eines besetzt und 5 alleinstehende Frauen (Witwen, Geschiedene, Verlassene – sie alle zählen in der indischen Gesellschaft nicht) helfen gegen Bezahlung rund um die Uhr: Saratha und Malathi tagsüber, Santha Kumari und Rani nachts und Kodimalli ist die energische Koordinatorin des Ganzen. In ihrer Gegenwart wagt sich kein männliches Wesen unberechtigt auch nur durch das Gartentor. Sie erledigt außerdem die Einkäufe und organisatorische Verwaltungsarbeiten. Mit ganzem Herzen bei der Sache ist Manoharan, der liebevolle Vater des Ganzen, obwohl er dies immer lächelnd bestreitet und meint, der Vater sei Arunachala, der heilige Berg.

Schnell wird mir klar, warum Manoharan nie mehr von „Hospiz“, sondern immer nur vom „Old Age Home“ (Altersheim) spricht. Niemand denkt hier mehr ans Sterben und bald wird das geplante Sterbezimmer auch mit zwei Frauen besetzt. Jetzt sind es 12 zu betreuende Witwen und 5 Helferinnen, jede mit einer ganz eigenen tragischen Geschichte. Kalpana, mit ihren 30 Jahren die Jüngste, ist taubstumm. Nach einer Abtreibung und ständigen Vergewaltigungen von mindestens 10 Männern in ihrem Heimatdorf, hat der Dorfälteste sie zu uns gebracht.

Nagamal, ca. 45 Jahre alt, hat Polio seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Beine sind völlig gelähmt. Ihre Schwägerin mißhandelte sie so, daß sie immer wieder das Haus verlassen mußte. Ihr liebes Wesen und die Tatsache, daß sie ja keine geächtete Witwe ist, sondern „nur“ unverheiratet, half ihr, bei den Nachbarn etwas zu essen und manchmal einen Schlafplatz zu bekommen. Manchmal kommen jetzt die Kinder dieser Nachbarn, laden sie aufs Motorrad und fahren mit ihr zum Ort ihres früheren Elends zurück. Vielleicht um zu zeigen, dass es „Wunder“ gibt?

Die freudige, glückliche Atmosphäre, die das „Hospiz“ in ein Haus des Lebens verwandelt hat, zieht viele Besucher an: Yoga-Pilgerer aus allen Ländern, eine Reisegruppe aus USA, Australien und meine eigene Reisegruppe aus Deutschland, Kinder aus dem Dorf und immer mehr indische Menschen, die neugierig wissen wollen, wo und wie diese geächteten Frauen jetzt leben.

Wir wollen ihnen Würde, Respekt und Selbstachtung zurückgeben. Wenn sie zu uns kommen, erhalten sie zwei neue schöne Saris geschenkt. Zu Weihnachten gab es den billigen Goldschmuck (2 Jahre Garantie), an dem sich alle indischen Frauen erfreuen: Ohrringe, Armreifen, Ketten sind ein Muss. Alle Frauen werden regelmäßig im Krankenhaus von Shanthimalai untersucht und wenn nötig behandelt. Drei Frauen wurden an den Augen operiert (Star) und sieben bekamen eine Brille. Die jungen Frauen (Mangai und Kalpana und Lakshmi) arbeiten im Garten mit und lernen handwerkliche Tätigkeiten, wie Taschen flechten oder Postkarten malen. Ein Ausflug in einen indischen Vergnügungspark, wo wir glücklich einfach unter einem Baum Picknick machten, war ein voller Erfolg.

Mit meinen amerikanischen Freunden aus Rochester/USA haben wir Lieder gesungen und einen Nachmittag damit verbracht, uns unter viel Gelächter Finger- und Fußnägel mit Nagellack und Handflächen mit Hennamustern anzumalen.

Das ist volles glückliches Leben hier und rührte eine Engländerin zu Tränen. Auf die erschreckte Frage der Frauen, warum sie denn weint, antwortete sie: „Aus Glück, weil es so einen Platz hier in Indien für die Frauen gibt!“

Namasté Anna